IW-Expertin zu Freigabe der Diesel-Reserven: Wie der Tankrabatt - allenfalls ein Pflaster

(dpa) Weil Trump es will: Die Freigabe der G7-Reserven dämpfen den Spritpreis allenfalls kurzfristig. Doch Europäer und die US-Regierung feiern die geplante Freigabe von Öl- und Dieselreserven als großen Schritt im Kampf gegen hohe Spritpreise. Eine IW-Expertin sowie Energieexpertin Claudia Kemfert üben deutliche Kritik.

Bestenfalls ein kurzer Dämpfer: Eine IW-Ökonomin misst der Freigabe der Öl- und Dieselreserven durch die G7 allenfalls kurzfristige Wirkung bei. | Foto: dpa/Jens Büttner
Bestenfalls ein kurzer Dämpfer: Eine IW-Ökonomin misst der Freigabe der Öl- und Dieselreserven durch die G7 allenfalls kurzfristige Wirkung bei. | Foto: dpa/Jens Büttner
(erschienen bei VISION mobility von Johannes Reichel)

Die von den G7-Staaten beschlossene Freigabe von Öl- und Dieselreserven kann Autofahrer nach Ansicht der IW-Ökonomin Samina Sultan allenfalls kurzfristig entlasten. Die Freigabe sei ähnlich wie der Tankrabatt ein Pflaster, das kurzfristig Linderung verschaffen könne, sagte die Expertin vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) der Deutschen Presse-Agentur. «Es kann eine Weile lang etwas abfedern, aber die grundlegende Problematik bleibt weiterhin bestehen.»

Kemfert: Statt Ad-Hoc-Maßnahmen besser Elektrifizierung forcieren

Entscheidend für Autofahrer sei zudem, wie groß der Dieselanteil der freigegebenen Reserven sei, sagte Sultan. Das gehe aus der Mitteilung der G7 nicht hervor. Denn durch die Lage in der Straße von Hormus wird nicht nur der Ölexport eingeschränkt, auch wichtige Raffinerien sind vom Weltmarkt abgeschnitten. Ähnlich sieht es die renommierte Energieexpertin und Professorin der Leuphana-Universität Claudia Kemfert.

"Natürlich können zusätzliche Mengen den Markt vorübergehend entlasten und Preisspitzen dämpfen. Aber das Grundproblem bleibt: Der globale Dieselmarkt ist angespannt, geopolitische Risiken bestehen fort, wichtige Lieferströme sind eingeschränkt und noch vor wenigen Tagen stand sogar ein möglicher US-Diesel-Exportstopp im Raum. Die entscheidende Frage ist deshalb: Was passiert, wenn die Reserven deutlich geschrumpft sind und sich die geopolitische Lage weiter verschärft? Dann ist unser Sicherheitspuffer kleiner, möglicherweise genau in dem Moment, in dem wir ihn wirklich brauchen", fragt sie.

Europa sollte seine Versorgungssicherheit nicht davon abhängig machen, dass andere Länder dauerhaft exportieren, so Kemfert weiter. Statt Notfallreserven immer wieder zur kurzfristigen Marktberuhigung einzusetzen, müsse man die strukturelle Abhängigkeit von Ölimporten reduzieren: durch Elektrifizierung, Effizienz, mehr Schiene und einen insgesamt geringeren fossilen Energieverbrauch.

Die Spritpreise gaben der Vergleichs-App «Tankerkönig» zufolge im bundesweiten Durchschnitt zunächst leicht nach. Bei Super E10 am Samstag im Vergleich zum Vortag um etwas über zwei Cent je Liter auf 2,10 Euro pro Liter, bei Diesel kräftiger um rund 4 Cent auf 2,21 Euro. Zuvor waren sie wegen der Einführung des Tankrabatts ab 1. Oktober schon deutlich gesunken.

Angesichts steigender Kraftstoffpreise hatten sich Deutschland und die übrigen G7-Staaten zuvor darauf geeinigt, über vier Monate 100 Millionen Barrel Rohöl und Diesel der im März beschlossenen Freigabe unter Koordination der Internationalen Energieagentur (IEA) tatsächlich freizugeben. Sie kündigten zudem an, in den kommenden Tagen die Möglichkeit zusätzlicher Diesel-Freigaben zu erörtern.

US-Regierung erwog Exportstopp von Diesel

Für eine dauerhafte Normalisierung der Energiepreise braucht es Sultan zufolge jedoch eine Öffnung der Straße von Hormus. Dort waren in den vergangenen Tagen erneut Tanker unter Beschuss geraten, wie die britische Behörde für Sicherheit in der Schifffahrt (UKMTO) mitteilte. «Wenn wir gleichzeitig eine weitere Eskalation in der Straße von Hormus haben ...und da nichts mehr durchgeht, dann ist auch die Reserve nur ein Tropfen auf den heißen Stein.»

Die US-Regierung hatte Europa zuvor aufgefordert, mehr Liefermengen an Diesel an den Markt zu geben. Auch ein Exportstopp war in Erwägung gezogen worden. In der Erklärung der G7-Staaten, zu denen auch die USA gehören, steht nun ausdrücklich, dass Mitgliedstaaten keine derartigen Beschränkungen vornehmen.

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