Fahrbericht Škoda Peaq 90: Groß gedacht, clever gemacht
Die frechen Tschechen! Mutig waren die Verantwortlichen aus Mlada Boleslav im Ende 2022 vorgeprescht und hatten in Prag überraschend einen stylischen Siebensitzer mit dem Arbeitstitel Vision 7S präsentiert, der die großen Ambitionen der Marke unterstreichen sollte. Wie sich jetzt bei der Präsentation des Serienmodells herausstellte, geschah das damals noch ohne den Segen aus der Wolfsburger Zentrale, wo man ein solches Modell noch prüfte.
Aber die Böhmen wollten mal im Publikum testen, wie so ein Gefährt wohl ankommt. Und siehe da: Die Resonanz war wohl so gewaltig, dass die strenge Mutter in Niedersachsen nicht anders konnte als „grünes Licht“ zu geben für den licht-grünen Böhmerwald-Kreuzer, der auch innerhalb des VW-Konzerns solitär dasteht – der avisierte ID. Tiguan wechselt zwar auch auf die MEB+-Plattform, hält aber bei den Maßen und vor allem Kofferraum und möglicher Siebensitzigkeit (wer auch immer das braucht) Abstand und bleibt auf Enyaq-Level.
In Eile zur Serie
Da steht er nun, dreieinhalb Jahre später, in ziemlicher Rasanz zur Serie entwickelt – und markiert unter dem griffigen Slogan „Epiq way to Peaq“ die Ansprüche des aktuell anders als die Kernmarke sehr erfolgreichen Tschechen-Labels. Bei den BEV verdoppelt man damit glatt das Portfolio – und lässt den Kamiq einerseits und den Kodiaq andererseits freilich ohne es zu wollen technologisch alt aussehen. Denn hybrid hin oder her: In Zeiten hoher Spritpreise sind reine E-Autos gefragter denn je.
Und hat schon der Elroq als verkürzter Zwilling des (gründlich modellgepflegten) Enyaq die Verkaufszahlen mächtig geboostet, soll jetzt auch der Peaq zusammen mit dem Epiq die elektrische Wende aus Mitteleuropa weiter vorantreiben. Freilich mit etwas anderer Zielgruppe: Startet der Epic mit dem kleinen LFP-Akku bei 26.000 Euro, legt man für die Basis des Peaq mit dem 59-kWh-NMC-Akku und völlig ausreichendem 150-kW-Motor bei 450-WLTP-Kilometern Reichweite glatt das doppelte hin, mit 49.900 Euro aber haarscharf unter der 50.000er-Marke.
Topversion bei 72.000 Euro
Am anderen Ende der Skala endet der Epic in Vollausstattung bei 38.000 Euro, der Peaq mit „All Inclusive“ als 90x mit 220-kW-Kombi als Synchron- und vorderem Asynchronmotor bei 72.000 Euro, mit bis zu 610 Kilometer Reichweite aus dem 86-kWh-NMC-Akku, der übrigens auch in Mlada Boleslav paketiert wird, mit CATL-Zellen aus China. Doch schon in der Basis bekommt man einen äußerst geräumigen „Stelzenkombi“ mit einem gewaltigen Ladeabteil von 935 Litern, im Maximum bei umgelegten Sitzen gar 2.150 Liter, mehr als der Kodiaq bietet.
Zudem lassen sich die Sitze der Rückbank 2/3 zu 1/3 verschieben und die Lehne in der Neigung verstellen, was Flexibilität wie in einem Van schafft, der der Peaq genau genommen ist, nur halt „hoch zu Ross“, ein aufgebockter Kombi, bis dereinst reine Elektrovarianten des Octavia/Superb folgen. Selbstverständlich gibt es die „simply clever“-Gadgets wie Regenschirm in der Tür, Eiskratzer, Ladekabelreiniger, Klett-Alusegmente und Haken zur Ladungssicherung, ein aufstellbaren Ladeboden, 230- und 12-Volt-Steckdose im Laderaum sowie Heckentriegelung der Sitze.
In der „Jumbo-Box“ mittig entdeckt man schließlich einen neuen Klapptisch, Teil des Relaxpakets und auch ein Handbesen soll nicht fehlen. Wie gesagt, an Freude am Detail fehlt es nicht in Mlada Boleslav. Auf den „Jump-Seats“ im Kofferraum sitzt man allerdings nur dann auf Kurzstrecken passabel, wenn man den Vorderleuten Knieraum klaut, sprich allzu groß gewachsen sollten die Passagiere dann nicht sein. Für Kids auf Kurzstrecken reicht es und ist durchaus eine nicht unwesentliches Kriterium bei der Anschaffung.
In Relation zu den Koreanern noch Maß gehalten
Freilich, mit 4,87 Metern Länge, 1,67 Meter Höhe und 1,86 Meter Breite (mit Spiegeln 2,11 Meter) ist das auch ein ganz schön wuchtiges Gefährt, elf Zentimeter länger als ein Kodiaq und mit fast drei Metern Radstand (12 cm mehr als ein Superb). Aber damit ist er immer noch schlanker als ein Hyundai Ioniq 9 oder Kia EV9, die preislich zudem deutlich höher positioniert sind.
Der Peaq hingegen schafft den Spagat vom pragmatisch-praktisch und von Level-2-Fahrerassistenz über das erstmals vertikale, Android-basierte 13-Zoll-Infotainment, die obligate Wärmepume oder 19-Zoll-Bereifung keineswegs kärglich ausstaffierten elektrischen Großraumgefährt für fünf Personen (wahlweise mit Hund) bis hin zum edel ausgeschlagenen Allrad-Raumkreuzer, der bis hin zu einer High-End-Soundanlage von Sonos (14 Lautsprecher, 755 Watt, wer’s braucht, aber klingt wirklich toll), AGR-Business-Class-Massage-Gestühl, sieben Sitzen sowie adaptivem Fahrwerk, magnetisch-kabellosen Qi2-Smartphone-Ladern mit 25 Watt und Ladestatusanzeige, Augmented Reality Head-up-Display, LED-Matrix-Licht oder riesigem, elektrochromen Panoramadach mit segmentweiser Dimmung keine Komfortwünsche übrig lässt – und per Klappmatratze und Camp-Modus sogar zum Gelegenheitsschlafplatz mutiert.
Faire Preissprünge für großen Akku und Allrad
Die Preissprünge auf den größeren Akku und stärkeren Motor (210 kW) oder noch den 220-kW-Allrad sind mit 8.000 und weiteren 2.500 Euro nicht zu groß. Wer dann das Maxx-Paket für 6.720 Euro ordert, landet eben um die 70.000 Euro und fährt fast auf Oberklasse-Niveau. Das Plus-Paket für 3.110 Euro tut’s aber auch und beinhaltet alles Essentielle. Insofern verstehen sich die Böhmen eben auch traditionell als Preisbrecher, bei denen man viel Auto fürs freilich nicht wenige, in Relation aber angemessene Geld bekommt. Das gilt auch für den Peaq.
Die goldene Mitte dürfte im Portfolio der von uns gefahrene, mit 640 WLTP-Kilometern reichweitenstärkste RWD mit 210-kW-Hinterradantrieb bilden, der sich durch einen kleinen Wendekreis von 9,9 Metern auszeichnet (AWD 11,4) und vom Start aus der engen Parklücke heraus viel Fahrfreude bereitet. Fast wie auf Wolken schwebt man sehr leise, wahlweise nachdrücklich beschleunigt und zügig sowie sehr komfortabel dahin, hat dennoch eine verbindliche Lenkung ein besseres Fahrbahngefühl als bei den koreanischen XXL-E-SUV-Wettbewerbern und kurvt so selbst auf engen Landstraßen um Seefeld in Tirol herum mit einem sauberen Strich und satter Straßenlage durch die Lande.
Flüssige Rekuperation
Unterstützt wird das nahtlose Fahrerlebnis durch die flüssige Rekuperation, deren zwei Stufen im B-Modus sich etwas versteckt im Bordmenü von kräftig auf sehr kräftig verstellen lassen – oder eben auf „D“, quasi Segelmodus. Die Reku passt sich aber auch so dem Verkehrsgeschehen an und verzögert auch vorauseilend das Tempo, etwa vor scharfen Kurven oder Ortseinfahrten.
Die Sitzposition ist nicht so hoch wie bei einem Transporter oder manchem „Voll-SUV“, aber auch nicht so tief wie beim Superb, die Übersicht über die kantige Haube gut, wobei man bei genauem Blick durch die Frontscheibe die Liebe zum Detail entdeck, weil drei kleine Radfahrer auf der Beifahrerseite auf die Anfänge der Marke mit dem Fahrradmodell „Slavia“ sowie das heutige Engagement im Radsport verweisen. Wichtiger sind die kräftigen Wischer mit integrierten Waschdüsen, was man auch von Mercedes kennt. Dass man mit dem großen Akku einen stattlichen 2,3-Tonner (AWD bis 2,5 to) pilotiert, macht das geschmeidige Fahrwerk (Option adaptives Fahrwerk) schnell vergessen. Windgeräusche sind ebenso gut gekapselt wie die Abrollgeräusche, lediglich auf der Autobahn ab etwa 120 km/h machen sich etwas vernehmlichere Zischlaute aus Richtung A-Säule bemerkbar.
Abstandstempomat 130 und schön rollen lassen
Am besten, man loggt den intelligenten Abstandstempomaten, der auch Navigationsdaten mit einbezieht, auf 130 km/h ein und lässt den Peaq dahinstromern. Lohn sind für das Fahrzeugformat gute Verbräuche, die beim Hinweg zwar deutlich über 20 kWh/100 km lagen, aber da ging es auch von 550 bis auf 1.300 Meter Meereshöhe. „Höhenenergie“, die man retour dann zurückerstattet bekam. Realistisch lässt sich ein Verbrauch von 16,5 bis 18 kWh/100 km erzielen, womit man von den 15 kWh/100 km WLTP nicht mehr gar so weit entfernt wäre, ebenso wenig von den 647 Kilometern Reichweite, die sich mit dem 86-kWh-Akku erzielen lassen sollen. Kommt halt immer auf den Fahrstil an …
Sparsamer als der Epiq
Erstaunlich ist, dass der wuchtige Peaq mit 0,249 sogar einen besseren cW-Wert aufweist als der kleinere Epiq mit 0,275, zurückzuführen auf akribische Arbeit im Windkanal, inklusive verschließbaren Kühllamellen, Air Curtains an der Front, Spoiler vor den Vorder- und Hinterrädern, glatten Spiegeln und Unterboden sowie abfallender Dachlinie mit Heckspoiler und Finlets und Heckdiffusor. Womit die zeitgleich gefahrenen Antipoden gar nicht so weit auseinanderlägen, im Verbrauch. Aber da muss man einen ersten Test abwarten. Vielversprechend wäre es allemal.
Keine 800-Volt-Plattform
Zumal der Peaq zwar keine 800-Volt-Plattform wie die Koreaner auffährt, aber die 400 Volt mit 199 kW Ladeleistung doch ziemlich ausreizen soll und innerhalb von 28 Minuten dank einem stabilen Ladeplateau von 10 auf 80 Prozent ziehen soll. Auch V2L und Plug&Charge ist jetzt selbstverständlich, optional gibt es einen V2L-Adapter für den Ladeslot. Laut Skoda-Ingenieuren erfolgen nur ein Fünftel der Ladevorgänge in DC und mit einem Schnitt von 80 kW, sodass der Verzicht auf die 800-Volt-Plattform lässlich erscheinen soll. Die Ladeklappe links beifahrerseitig sitzt für Schnelllader passabel, wenngleich nicht ideal, ist dafür an Bordsteinladern weniger stoßgefährdet. Naja, und das praktische 22 kW AC-Laden, wie es Renault schon lange praktiziert und Konkurrent Kia gerade in die volkstümliche Breite bringt und Renault , kann der Böhme halt auch nicht.
Ordentliche Anhängelast
Das Ladekabel bringt man locker im akkurat sortierten Frunk unter, der zwar mit 37 Litern nicht riesig ist für ein Fahrzeug mit stattlicher Schnauze und eigentlich ja Heckantrieb, aber etwa auch das Laderaumrollo oder eine etwaige Anhängekupplung sicher aufnimmt. Apropos: Die Anhängelast beträgt sehr respektable 1,8 bis 2,0 Tonnen, wodurch der Peaq auch gut als Zugmaschine taugt, ein weiteres wichtiges Kriterium in dieser Klasse. Die Zuladung schrumpft dann aber je nach gewählter Version von 600 auf 390 Kilo, wobei der Siebensitzer nochmal einen Zuschlag beim Gesamtgewicht von 2,8 auf glatte 2,9 Tonnen bekommt – Kleintransporter-Werte auch hier …
Assistenz auf hohem Niveau
Auch in Sachen Fahrerassistenz tischen die Tschechen voll auf. Serie sind Frontradarassistent mit Fußgänger- und Radfahrererkennung und City-Notbremsfunktion (Front Assist), Kreuzungsassistent (Crossroad Assist), Abbiegeassistent (Turn Assist) und Spurwechsel- und Ausparkassistent sowie Ausstiegswarner (Side Assist). Zu den optionalen Systemen gehören der Travel Assist 3.0 mit teilautomatisiertem Fahren nebst Spurwechselassistent sowie die 360-Grad-Umgebungskamera (Area View) und der Intelligente Parkassistent inklusive „Trainiertem Parken“ und Vorab-Berücksichtigung temporärer Geschwindigkeitsbegrenzungen dank Online-Verkehrszeichenerkennung und der jetzt möglichen Ampelerkennung samt Bremsung zum Stillstand. Zehn Airbags, darunter ein zentraler Airbag und hintere Seitenairbags, gehören zur Serienausstattung.
Modisch, aber nicht zwingend praktisch: Flush-Türgriffe
Sicher sein sollen übrigens auch die modischen „Flush“-Türgriffe, die wie jetzt immer mehr verbreitet schick aussehen, aber eben einen Moment brauchen, bis sie aus der Karosserie herausgleiten. Skoda hat die in China bereits wieder verbotene Mode mit einer aufwändigen Redundanz und eigener Supercap-Stromversorgung hinterlegt, sodass auch im Falle eines Unfalls die Öffnung möglich sein soll. Naja, das ist dann nicht mehr unbedingt „simply clever“, sondern eher „simply oversophisticated“, auch wenn sie sich per Druck auf den markierten Bereich manuell ausfahren lassen. Ein schöner Bügel hätte es auch getan ohne der Aerodynamik groß zu schaden – und geht nicht kaputt. Hier hat wohl Form vor Funktion obsiegt, sprich Design vor Ergonomie.
In der Ruhe liegt die Kraft
Wie auch immer: In Fahrt zeichnen sich die Systeme mit großer Ruhe, Dezenz und Souveränität aus, wie es die Skoda-Verantwortlichen zuvor für sich reklamiert haben. Nur wenn man die Hände zu lange vom Lenkrad nimmt, greift ein gestuftes System erst mit Ermahnung, später dann mit Anbremsen, Gurtrucken und schließlich Aktivierung des automatischen Notbremssystems, das jetzt sogar den sicheren Spurwechsel etwa auf den Standstreifen beherrschen soll. Das haben wir dann aber doch nicht ausprobieren wollen …
Hingucker und zentrale Schaltstelle des neuen Peaq ist das neueste Infotainment-System auf Android-Basis, das über verstärkte In-Car-Kommunikation und über ein vertikal angeordnetes 13,6-Zoll-Display verfügt – eine Premiere in einem Škoda-Modell. Es bietet eine flüssig funktionierende Google-Maps-E-Routenplanung mit diversen Filtermöglichkeiten etwa nach Anbieter oder Plug&Charge oder Ladezustandsvorgaben am Zielort.
Erstmals einen vertikalen Screen
Hintergrund der Maßnahme war, dass man wohl festgestellt hat, dass die Kunden die Kartendarstellung meist auf dem Schirm präsent haben wollen, was jetzt im oberen Bereich der Fall ist. Durch die Längsanordnung bleibt aber unten genug Platz, um permanent die Grundfunktionen wie Lüftung präsent zu halten. Zusammen mit den redundanten Rändelrädern und Tastern für die Lüftung oder Lautstärke ergibt sich eine einfache Bedienung, die fast selbsterklärend ist.
Natürlich unterstützt neben einem neuen „Onboarding-Assistenten“ mit Tops mit Tips zu den gar nicht mehr so „simply“ Fahrzeugfunktionen auch das um KI ergänzte und um Zugriff auf die Fahrzeugdaten erweiterte Sprachassistenzsystem Laura, das aber die Sprache nicht in Fahrt verstellen wollte. Der Grund laut Technikern: Das dauere zu lange, blockiere damit weitere Funktionen. Bei der Probe aufs Exempel war das aber binnen Sekunden erledigt. Selbstverständlich ist die Anbindung des Fahrzeugs via App, inklusive Zugriff auf Fahrzeugdaten respektive Ladefunktionen oder der Nutzung eines Digital Keys via Bluetooth, Ultrawideband oder NFC auf Smartphone oder gar Smartwatch, falls der Peaq von bis zu vier weiteren Personen genutzt wird. Im bordeigenen App-Story warten mittlerweile über 150 Anwendungen gängiger Art, Serie beim Peaq ist dafür ein 10-GB-Datenpaket monatlich.
Nachhaltige Materialien mit anständiger Optik und Haptik
Nicht unerwähnt sollen die Bemühungen um Nachhaltigkeit im haptisch wie optisch wie von Skoda gewohnt sehr geschmackvoll ausstaffierten, tip-top verarbeiteten Innenraum bleiben: Denn der Peaq weist den höchsten Anteil an recycelten Materialien aller Škoda Modelle auf. Über 50 Kilogramm recycelte Materialien kommen im Außen- und Innenbereich zum Einsatz. Besonders stolz sind die Böhmen auf den Lederersatz Techtona, in schwarz, lichtem Hellgrau oder gar grünen Akzenten. Bei so viel Wohnlichkeit will man doch gleich mal den Campmode ausprobieren, der mit der optionalen Faltmatte erst richtig Sinn ergibt: Dabei versorgt die Fahrzeugbatterie den Innenraum bis zu zehn Stunden mit frischer Luft auf programmierter Temperatur, sofern der Akku ein Drittel geladen ist. Das sollen einem die ollen Verbrenner erst einmal nachmachen. Simply clever ist halt nur vollelektrisch. Jetzt bei Skoda auch in der „großen Klasse“.
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