Uber startet Petition gegen Mindestpreise in München
Guten Tag,
Vom Preiswahnsinn und Algorithmus-Zauber – oder warum das Taxi die letzte Bastion der Verlässlichkeit ist.
Es ist schon erstaunlich, mit welchem Pathos derzeit in München eine Petition durch die digitale Republik gepeitscht wird: „Stoppt den Preiswahnsinn – Mobilität für alle“, ruft es aus den Reihen der Plattformwirtschaft. Uber, Bolt & Co. präsentieren sich dabei als Robin Hoods der Stadtrandbewohner, als selbstlose Vorkämpfer für arme Menschen, für Menschen mit Migrationsgeschichte – und gegen ein ominöses „Preisdiktat“, das nichts weiter ist als der Versuch, Mindeststandards zu sichern. Mindeststandards, wohlgemerkt, die im Taxigewerbe seit Jahrzehnten selbstverständlich sind.
Wer sich durch das Pamphlet der Plattformlobby liest, erkennt schnell: Viel Gefühl, wenig Gehalt. Da wird vom „Rückschritt für die Mobilitätswende“ fabuliert, als wäre ein Mindestpreis die Rückkehr zur Pferdekutsche. Da wird der Begriff „sozial ungerecht“ so lange gedehnt, bis er auf jene passt, die mit Dumpinglöhnen Rendite machen wollen. Und da wird das Taxigewerbe zum reformresistenten Fossil erklärt – von einer Branche, die sich vor allem durch trickreiche Umgehung gesetzlicher Auflagen profiliert hat.
Wie absurd die Argumentation ist, zeigt der zweite Blick auf die Realität: Während Plattformen wie Uber mit warmen Worten um das Vertrauen der Nutzer buhlen, häufen sich Berichte über das Scheitern eben jener Algorithmen, auf die sie alles setzen. Wer spätabends einen Wagen per App ruft, bestellt manchmal nur ein Phantom. Und wenn doch ein Fahrer kommt, ist nicht immer sicher, ob er über eine gültige Genehmigung oder überhaupt über einen Personenbeförderungsschein verfügt.
Das ist kein Kollateralschaden der digitalen Disruption, das ist System. Plattformbetreiber agieren mit Subunternehmern, die wiederum Sub-Subunternehmer beschäftigen – dazwischen verschwinden Verantwortung und Rechtsstaatlichkeit. In Berlin wurden Uber-Partner bereits zu Strafzahlungen in sechsstelliger Höhe verdonnert, in Frankfurt ermittelt die Behörde wegen gefälschter Dokumente. Es ist ein Wunder, dass überhaupt noch jemand freiwillig in ein solches System steigt. Und dennoch: Der Mythos lebt. Noch. Denn zum Glück gibt es ihn noch, den Unterschied – zwischen Versprechen und Verlässlichkeit. Zwischen App-Zauber und Taxameter. Zwischen Plattformökonomie und Personenbeförderungsgesetz.
Liebe Taxi-Unternehmer, Sie haben etwas viel Wertvolleres: ein Produkt, das hält, was es verspricht. Eine Dienstleistung, die gesetzlich reguliert, behördlich geprüft und menschlich verantwortet wird. Und Kundinnen und Kunden, die nachts nicht spekulieren wollen, ob jemand kommt – sondern wissen: Das Taxi fährt.
Thomas Kanzler
Chefedakteur taxi heute
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