Fahrerlose Konkurrenz – bleibt bei der Mobilität der Zukunft das Taxi auf der Strecke?
Guten Tag,
in München soll bald die Zukunft an die Tür klopfen – oder vielmehr lautlos vorfahren. Ministerpräsident Markus Söder träumt von 20.000 autonomen Shuttles und 5.000 fahrerlosen Bussen. Oberbürgermeister Dieter Reiter stimmt ein und verweist auf den Personalmangel im ÖPNV. Klingt nach Aufbruch, klingt nach Hightech, klingt auch ein wenig nach Science-Fiction. Nur: Wo bleibt da das Taxi?
Die Branche hat Grund zur Sorge. Schon heute machen Plattformen wie Uber den Markt enger. Nun könnten auch noch Roboterwagen in die Lücken stoßen, die Politik und Verkehrsbetriebe beklagen: zu wenig Fahrer, zu große Busse, zu lange Randzeiten. Was nach Effizienz klingt, bedeutet für das Taxi eine neue Runde im Dauerkampf um Fahrgäste. Und wieder ist unklar, ob die Spielregeln dieselben sein werden. Werden Robotaxis Konzessionsgebühren zahlen? Müssen sie eine Beförderungspflicht erfüllen? Oder fährt da demnächst eine Flotte durch München, die frei ist von Pflichten, aber nicht von Einnahmen?
Während die Politik also Zukunft malt, zeigt eine ZDF-Dokumentation, wie die Gegenwart aussieht: Fahrtenvermittler wie Uber und Bolt stehen im dringenden Verdacht, ein Geschäftsmodell auf Kosten des Sozialstaats zu betreiben. Bürgergeld, Teilzeit, Schwarzarbeit – das ist die Mischung, von der Jobcenter und Zoll berichten. Fahrer, die offiziell zu wenig verdienen, ergänzen ihr Einkommen über staatliche Unterstützung und Schwarzgeld. Die Unternehmen geben sich ahnungslos, die Ermittler finden Bargeld im Gefrierfach.
Das Taxi-Gewerbe kennt strengere Kontrollen, Mindestlohn, Sozialabgaben. Man mag es bürokratisch finden, aber es sorgt für Fairness. Genau diese Fairness droht unter die Räder zu kommen, wenn neue Konkurrenten nicht denselben Regeln unterliegen. Es lohnt sich daher, den Blick nicht nur auf die Versprechen der Zukunft zu richten, sondern auch auf die Realität von heute. Autonom fahrende Shuttles und Busse mögen irgendwann das Bild der Stadt prägen. Aber solange Missbrauch und Wettbewerbsverzerrungen im Plattformgeschäft nicht gelöst sind, bleibt die Gefahr, dass der Fortschritt nicht alle mitnimmt – am wenigsten das Taxi.
Thomas Kanzler
Chefredakteur taxi heute
Jetzt kostenlos abonnieren
Weitere Editorials