Unruhe am Flughafen Tegel: „Hauptsache dagegen“
Thema des Monats Juni 2009
Berliner Taxifahrer, die am Flughafen Tegel auf Fahrgäste warten, sollen künftig anstatt einer Jahrespauschale knapp 50 Cent pro Zufahrt bezahlen. Über einen Flughafenzuschlag in gleicher Höhe werden diese Gebühren an den Kunden weitergegeben. Im Gegenzug dazu müssen die Kollegen verschiedene Servicestandards erfüllen. Was eigentlich ganz vernünftig klingt, stößt bei Teilen des Gewerbes auf Protest. taxi heute beleuchtet und kommentiert die Argumente der Befürworter und der Widersacher.
Stichtag wird der 1. Juli 2009 sein. Von diesem Tag an zahlen die Berliner Droschkenkutscher nicht mehr die bisher übliche Jahrespauschale (70 Euro), sondern werden pro Durchfahrt mit 50 Cent zur Kasse gebeten. Allerdings können diese vom Taxikunden auf direktem Weg wieder zurückverlangt werden: Im Rahmen einer geplanten Tariferhöhung soll in Berlin auch ein Zuschlag von 50 Cent erhoben werden dürfen, wenn Fahrgäste am Flughafen Tegel ein Taxi benutzen.
Die neue Gebührenstruktur gilt laut öffentlicher Meinung der Berliner Flughafengesellschaft als Startschuss für eine Taxi-Qualitätsoffensive. Es soll künftig gewährleistet sein, dass alle Fahrzeuge bei Fahrtantritt sauber sind und über ein funktionsfähiges System zur bargeldlosen Zahlung verfügen. Außerdem dürfen die Fahrer keine Kurzstrecken mehr ablehnen und müssen über Englisch-Grundkenntnisse verfügen.
Um zu gewährleisten, dass diese Qualitätsstandards auch eingehalten werden, wird die Zufahrt zum Flughafen Tegel nur mehr über Schrankenschleusen möglich sein. Zusätzlich kommen bis zu sechs Kontrolleure zum Einsatz, die den Taxifahrern bei Missachtung der vorgegebenen Qualitätsstandards die Zufahrt verweigern können. Die Personalkosten sollen durch die 50 Cent Durchfahrtsgebühr gedeckt werden.
Genau diese Kosten(ver)rechnung stößt im Vorfeld allerdings auf Kritik. Die verkehrspolitische Sprecherin der Berliner Grünen beispielsweise ist der Ansicht, dass „saubere Fahrzeuge und freundliche Taxifahrer“ Selbstverständlichkeiten sind, für die ein Fahrgast nicht noch extra zahlen soll.
Aus dem Taxigewerbe kommt dagegen der Vorwurf, man werde durch diese Regelung zum „Geldeintreiber für den Flughafen“. Stephan Berndt, Vorstand von „Taxi Deutschland, Landesverband Berlin“, sieht darüber hinaus noch ein anderes Problem: „Üblicherweise werden Taxifahrer in Berlin nach Umsatzbeteiligung bezahlt“, führt er im Gespräch mit taxi heute an. „Mit dieser Regelung müssen die Flughafen-Zuschläge aus den Umsätzen umständlich rausgerechnet werden.“
Der Landesverband von Herrn Berndt ist einer von drei relevanten Berliner Taxiverbänden. Die beiden anderen, Taxiinnung und TVB, befürworten die Qualitätsoffensive und die dafür eingeführte Schranken- und Kostenregelung. Beide Verbände waren auch von Beginn an in die Planungen involviert. Die Flughafengesellschaft spricht deshalb davon, dass die Qualitätsoffensive „in Kooperation“ mit den Berliner Taxiverbänden eingeführt werde.
Detlef Freutel, Vorstand des TVB, sieht in der Offensive nicht nur einen Vorteil für die Fahrgäste, sondern auch gleichzeitig das Image für die Stadt Berlin aufpoliert. Das Taxi sei oft der erste Ort nach dem Flughafen, den Berlin-Besucher zu sehen bekämen. Da müsse das Taxigewerbe einen guten Eindruck hinterlassen. In der elektronischen Erfassung der Taxis an der Schranke mittels eines Transponders sieht Freutel aber auch noch einen anderen Gewinn. Im Gespräch mit taxi heute machte der Verbandschef und Mehrwagenunternehmer klar, dass dadurch die schwarzen Schafe Umsätze und Lohnzahlungen nicht mehr so einfach reduzieren könnten.
Solche Aussagen ärgern wiederum Stephan Berndt. Er kritisiert die negative öffentliche Darstellung des bisherigen Taxi-Services am Flughafen als völlig überzogen. Damit versuche die Flughafengesellschaft nur, eine versteckte drastische Gebührenerhöhung zu legitimieren.
Sein Vorschlag wäre dagegen, die Organisation des Taxiverkehrs dem Gewerbe zu übertragen. Gemeinsam mit den Funkzentralen könne dann eine praxisgerechte Abwicklung inklusive Bewirtschaftung der Nachrückplätze erfolgen. Allerdings räumt Herr Berndt an dieser Stelle ein, dass auch dies zu Personal- und Aufwandskosten führen würde, die wiederum auf die Kollegen am Flughafen umgelegt werden müssten.
Es wird also weiterhin viel diskutiert werden in Berlin und die spannende Frage bleibt, ob zum 1. Juli tatsächlich genug Taxifahrer den neuen Nutzungsvertrag unterschrieben haben. Die bisher gültigen Verträge mit rund 3.500 Taxiunternehmern wurden allesamt gekündigt. Bis Ende Mai hätten aber erst rund 100 davon den neuen Vertrag unterschrieben. Es bleibt also nur noch ein Monat, um die noch zaudernden Kollegen zu überzeugen.
Kommentar
Hauptsache dagegen...
... so könnte man die Absicht der Taxikollegen interpretieren, die sich gegen die Einführung der Qualitätsoffensive wehren und zwischenzeitlich sogar mit Streik drohten. Denn mit Ausnahme der erschwerten Zuschlagsverrechnung bei Fahrern mit Umsatzbeteiligung greifen alle anderen Argumente ins Leere. Wer genau so viel als Zuschlag einnehmen darf, wie er dem Flughafenbetreiber zahlen muss, fährt de facto ohne Flughafengebühren. Um diese Lösung dürften viele Taxikollegen aus anderen Großstädten die Berliner beneiden.
Unglücklich ist allerdings in der Tat die Außendarstellung der Qualitätsoffensive und des Zuschlags in der Öffentlichkeit. Denn die neue Qualität, die man hier verspricht, wird vom Otto-Normal-Taxifahrgast zurecht als pure Selbstverständlichkeit empfunden. Dass dies nicht der Fall ist, hat sich das Taxigewerbe wieder mal selbst zuzuschreiben. Durch eine katastrophal niedrige Berufszugangshürde und durch Verbände mit schlechtem Organisationsgrad konnte dem schleichenden Qualitätsverlust nicht gegengesteuert werden. Dass jetzt Flughafengesellschaften und vielleicht auch irgendwann Bahnhofsbetreiber, Hotels und Messegesellschaften die Regeln bestimmen, ist eine logische Konsequenz. Wer diesen Gesellschaften dann „Abzocke“ vorwirft, mag an manchen Flughäfen in Deutschland Recht haben. In Berlin zahlt die Zeche für die Überwachung eines eigentlich selbstverständlichen Qualitätsstandards allerdings der Fahrgast. Wer sich dagegen ernsthaft wehrt und die neuen Serviceverpflichtungen nicht anerkennen will, muss sich zurecht fragen lassen, ob er sich nicht genau zu denjenigen wenigen schwarzen Schafen zählt, die eine derartige Qualitätsoffensive erst nötig gemacht haben.
Jürgen Hartmann
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