Crash-Alarm in der Versicherungsbranche
Thema des Monats März 2009
Die nackten Fakten machen schon seit Herbst des vergangenen Jahres die Runde: Die Schadensquote der Taxi-Kfz-Versicherer sei auf 150 Prozent gestiegen, teilte die VDK Signal Iduna damals mit. Droht nun der totale Kollaps? Taxi- und Mietwagenunternehmer müssen zwingend gegensteuern.
150 Prozent Schadensquote bedeuten, dass die Versicherer für jeden Euro Beitragseinnahme 1,50 Euro für Taxischäden ausgeben müssen. So rechnete es der Bundesverband BZP kürzlich vor und appellierte unter anderem an die Taxiunternehmen, sich von den Unfallfahrern zu trennen.
Ein Hamburger Verband malte hier sogar das Schreckgespenst an die Wand, dass dem deutschen Taxigewerbe österreichische Verhältnisse drohen, da dort die Taxiunternehmen zwischenzeitlich zwangsversichert wären. Das bedeutet, dass Betriebe, die bei keiner Versicherung mehr unterkommen, einem Versicherer zugewiesen werden, der dann wiederum um bis zu dreifach höhere Prämien verlangt. Dieses Procedere bestätigte ein Wiener Versicherungsexperte auf Nachfrage von taxi heute, stellte jedoch klar, dass maximal zwei Prozent aller österreichischen Taxi- und Mietwagenunternehmen „zwangszugewiesen“ werden. Die große Mehrzahl sei bei Versicherungsgesellschaften wie der Zürich Versicherung, VAV, Generali oder Vienna Insurance abgesichert. Bei einer Einteilung in die Grundstufe 9 (das entspricht etwa 100 Prozent) fallen Jahresprämien zwischen 1.700 und 2.400 Euro an, rechnet der Experte vor. Das in Hamburg beschworene Damoklesschwert erweist sich angesichts dieser Zahlen eher als Dolchstoßlegende.
Trotzdem muss jeder im Gewerbe die Entwicklung ernst nehmen. Die Unfallhäufigkeit gerade bei Mehrwagenbetrieben muss zurückgeschraubt werden. Doch welchen Einfluss hat ein Taxiunternehmer auf die Fahrweise seiner Angestellten? taxi heute hat sich unter den Chefs von Mehrwagenbetrieben umgehört:
„Bei mir muss jeder Fahrer, der sich bewirbt, eine ausführliche Probefahrt mit mir machen. Dabei fahren wir bewusst durch enge Straßen, ein kleines Stück auf der Autobahn und parken in enge Parklücken ein. Wer sich hier schwer tut oder den Bleifuß auspackt, bekommt bei mir keinen Job. Auf diese Weise habe ich schon den einen oder anderen Fahrer aussortiert, bevor er überhaupt die Gelegenheit bekam, unsere gute Schadensquote in die Höhe zu treiben“, erzählt ein Frankfurter Mehrwagenunternehmer.
„Ich schicke meine Fahrer regelmäßig zu Fahrsicherheitstrainings“, verrät ein westfälischer Kollege sein Erfolgsgeheimnis einer geringen Schadenseinstufung. Vorteil: Solche Trainings machen Spaß und fördern die Gemeinschaft untereinander, zumindest sofern der Unternehmer seine Fahrer immer mindestens zu zweit dorthin schickt. Positiver Nebeneffekt: Die VdK erstattet bei nachgewiesener Teilnahme am Mercedes-Benz-Fahrprogramm „Taxi-Sicherheit“ einmalig zehn Prozent des Jahresbeitrages zurück.
„Bei mir müssen sich meine Fahrer mit Beträgen zwischen 300 und 600 Euro an selbstverschuldeten Unfällen beteiligen“, erläutert uns ein Unternehmer aus dem Taunus seine Methodik zur Schadensreduzierung. Und seine Maßnahme zeigt offenbar Wirkung: „Die Zahl der kleineren und durch Unachtsamkeit verursachten Schäden wie Schrammen an der Stoßstange oder am Kotflügel, Karosseriebeulen durch unachtsames Türöffnen oder Kratzer an den Außenspiegeln ging seitdem spürbar zurück.“
„Ich lasse durch Bekannte in regelmäßigen Abständen Testfahrten durchführen. Meine Fahrer wissen natürlich nichts davon und meine Bekannten berichten mir hinterher über den Fahrstil, die Aufmerksamkeit und die Freundlichkeit meines Fahrers“, gibt ein Münchner Kollegen freimütig zu. „Diese Verhaltensweisen sind mir sehr wichtig und deshalb versuche ich auch, Defizite in diesen Bereichen schnell aufzuspüren. Und das geht nun mal am Besten im Schichtalltag. Ein eingehendes Vier-Augen-Gespräch, in dem ich meinen Fahrer auf seine Fehler anspreche und zugleich auch deutlich mache, dass solche Kontrollen immer wiederkehren können, verfehlt seine Wirkung nur selten.“
Auf den Faktor Teamwork setzt hingegen ein Essener Unternehmer: „Ich veranstalte regelmäßige Partner-Touren. Dabei fahren ein sehr besonnener Fahrer und ein „Wilder“ gemeinsam eine etwa 15-minütige Tour. Am Ziel wird getauscht. Einer muss dem anderen seinen Fahrstil beschreiben. Meistens wird dem „Wilden“ dabei klar, dass sein Kollege mit besonnener Fahrweise genauso schnell, aber deutlich stressfreier ans Ziel kommt.“
„Fahrer, die bei mir einen Unfall verschulden, werden für die nächsten Schichten auf eines meiner älteren und unkomfortableren Modelle eingeteilt.“, erzählt uns ein Kollege aus Osnabrück. „Bei einem zweiten Unfall reduziere ich die Schichten, indem ich vorgebe, dass alle Autos belegt sind. Nach dem dritten Unfall bekommt er gar keine Schichten mehr. Dann wechseln diese Fahrer von alleine, ohne dass ich kündigen muss, da sie bei mir nur Geld verdienen, wenn sie auch Umsätze fahren, an denen sie prozentuell beteiligt sind.“
Unsere kleine Umfrage zeigt deutlich: Die Methoden sind zwar unterschiedlich, aber es gibt bereits viele Taxiunternehmer, die konkrete Maßnahmen gegen explodierende Schadensquoten und die daraus resultierenden steigenden Versicherungsbeiträge ergreifen. Und damit ganz nebenbei auch das Bewusstsein ihrer Fahrer für fremdes Eigentum (das Taxi des Chefs) schärfen. Es wäre wünschenswert, dass mehr Unternehmer diesen Beispielen folgen, um das Taxigewerbe in Zukunft für die Versicherer zu einem attraktiven Partner zu machen – und das nicht zum Preis von horrenden Versicherungsbeiträgen.
Hinweis der Redaktion: Mit einem Teilaspekts dieses Themas beschäftigt sich auch unsere aktuelle Frage des Monats: „Machen Sie eine ausführliche Probefahrt, bevor Sie einen neuen Fahrer bei sich anstellen?“, zu der Sie ab sofort Ihre Stimme abgeben können. Kommentare dazu sind natürlich ebenfalls herzlich willkommen.