Der vergessene Kombi aus Lüttich – oder wie der Mercedes-Benz „Universal“ den Weg zum T-Modell ebnete
Im August 1966 nahm Mercedes-Benz den 230 S „Universal“ in sein Modellprogramm auf. Das Fahrzeug basierte auf der damals aktuellen Oberklasselimousine der Baureihe W 111, besser bekannt als „Heckflosse“. Es war ein bemerkenswerter Schritt für einen Hersteller, der sich lange auf Limousinen konzentriert hatte. Denn der „Universal“ verband den Komfort und die Solidität einer Mercedes-Limousine mit den praktischen Eigenschaften eines Kombis. Produziert wurde das Fahrzeug allerdings nicht von Mercedes-Benz selbst. Den Umbau übernahm die belgische Firma IMA (Industrie Meccaniche Automobili) in Lüttich. Dort entstanden bereits seit Beginn der 1960er-Jahre verschiedene Kombiversionen von Mercedes-Modellen. Neu war nun, dass Mercedes-Benz diese Fahrzeuge offiziell in sein Vertriebsprogramm integrierte.
Kombis waren „Handwerkerfahrzeuge“
Für die damalige Zeit war das durchaus ungewöhnlich. Kombis galten in den 1960er-Jahren vor allem als Nutzfahrzeuge für Handwerker, Behörden oder größere Familien. Sie waren zweckmäßig, aber kaum prestigeträchtig. Mercedes erkannte jedoch früh, dass sich hinter dem Konzept mehr verbarg als nur zusätzlicher Stauraum. Der 230 S „Universal“ bot genau das, was viele Kunden suchten: ein repräsentatives Fahrzeug mit hoher Alltagstauglichkeit. Hinter der großzügigen Heckklappe entstand ein Ladeabteil, das deutlich mehr Platz bot als die klassische Limousine. Gleichzeitig blieb der Fahrkomfort erhalten, für den die Marke bekannt war.
Aus heutiger Sicht wirkt das Konzept selbstverständlich. Mitte der 1960er-Jahre war es jedoch ein Experiment. Entsprechend überschaubar blieb die Produktionszeit. Der 230 S „Universal“ wurde lediglich bis 1968 gefertigt. Größeren Erfolg hatten die Kombiversionen der kleineren W-110-Baureihe. Die Typen 200 D, 200 und 230 wurden ebenfalls als „Universal“ angeboten und fanden insbesondere bei gewerblichen Kunden Interesse.
Noch nicht als Taxi
Gerade hier entsteht eine interessante Verbindung zum Taxigewerbe. In den 1960er-Jahren dominierten Limousinen das Straßenbild der deutschen Taxistände. Der klassische Mercedes-Diesel galt als Inbegriff des Taxiwagens. Doch schon damals gab es Einsatzbereiche, in denen ein Kombi Vorteile geboten hätte: Flughafentransfers, Kurierfahrten, Hotelshuttles oder die Beförderung größerer Gepäckmengen. Tatsächlich sollten Kombis später genau in diesen Bereichen eine wichtige Rolle spielen. Als Mercedes-Benz 1977 das erste werkseigene T-Modell präsentierte, entwickelte sich die Karosserieform rasch zu einer beliebten Alternative für Taxiunternehmer. Besonders auf dem Land, bei Krankenfahrten oder im Hotelverkehr schätzten Betreiber die Kombination aus Pkw-Komfort und erweitertem Ladevolumen.
Der „Universal“ kann deshalb als ein fehlendes Bindeglied in der Geschichte des gewerblichen Personenverkehrs betrachtet werden. Er war seiner Zeit in vielerlei Hinsicht voraus. Während Limousinen weiterhin den Standard darstellten, zeigte das Fahrzeug bereits, wie flexibel ein Mercedes im gewerblichen Alltag eingesetzt werden konnte.
Komfort und Nutzwert – Vorteil für den Kombi
Auch technisch setzte der Umbau eigene Akzente. Die von IMA gefertigten Fahrzeuge erhielten unter anderem 15-Zoll-Räder statt der bei den Limousinen üblichen 13-Zoll-Räder. Dadurch stieg die Bodenfreiheit. Für den Einsatz auf schlechten Straßen oder bei hoher Beladung war das ein praktischer Vorteil. Zudem verliehen die größeren Räder dem Fahrzeug eine eigenständige Erscheinung.
Rückblickend markiert der „Universal“ weniger eine Randnotiz als vielmehr einen wichtigen Entwicklungsschritt. Er zeigte Mercedes-Benz, dass Kunden bereit waren, Komfort und Nutzwert miteinander zu verbinden. Die Erkenntnisse aus diesem Projekt flossen später in die Entwicklung der T-Modelle ein, die über Jahrzehnte zu festen Größen im Fuhrpark vieler Taxi- und Mietwagenunternehmen wurden. So betrachtet erzählt der Mercedes-Benz 230 S „Universal“ nicht nur die Geschichte eines seltenen Kombis aus Belgien. Er erzählt auch von einem Wandel im Automobilbau: weg von der strengen Trennung zwischen Personenwagen und Nutzfahrzeug, hin zu Fahrzeugen, die beides sein konnten. Für das Taxigewerbe, das seit jeher zwischen Komfortanspruch und praktischer Vernunft balanciert, war genau dieser Gedanke von besonderer Bedeutung.
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