Thema des Monats

Smart kontra Taxi

Thema des Monats November 2008

Daimler hat ehrgeizige Pläne: Künftig sollen überall Smarts stehen, die spontan oder geplant gemietet werden können. Abgerechnet wird im Minutentakt. Das Taxigewerbe befürchtet große Konkurrenz und muss sich daher noch deutlicher positionieren.
Die Ulmer Taxikollegen, in deren Stadt vor einigen Tagen das Pilotprojekt startete, laufen gegen die Pläne der Daimler AG Sturm. Denn ab Januar könnten potenzielle Fahrgäste anstatt ins Taxi in einen neben dem Taxistand geparkten Smart einsteigen und sich selbst zu ihrem Ziel fahren. Für 19 Cent pro Minute inklusive Sprit und Versicherung. „Car2Go“ nennt sich das Mietwagenkonzept, das hinter dieser spontanen Methode einer Autobeschaffung steckt. Ähnlich wie bei Call a Bike genügt eine einmalige vorherige Registrierung. Anschließend wird ein Chip auf den Führerschein geklebt. Diesen hält der Mietkunde an ein Lesegerät im Bereich der Windschutzscheibe. Damit öffnet sich die Zentralverriegelung. Der Autoschlüssel liegt im Handschuhfach, der Motor startet, sobald im Fahrzeug eine persönliche PIN eingegeben wird.
Car2Go ist das erste Geschäftsmodell rund ums Auto, das ein 15-köpfiges „Business-Innovation“-Team entwickelt hat. Die Testphase läuft derzeit in der baden-württembergischen Universitätsstadt Ulm mit 80 Smarts, die nur Daimler-Mitarbeitern zur Verfügung stehen und ab Januar allen Ulmer Bürgern zugänglich sein werden. Dann werden 200 Zweisitzer im ganzen Stadtgebiet verteilt sein.

Dummerweise genau da, wo auch die Taxis stehen. Ergün Senel, Aufsichtsratsvorsitzender der Ulmer Taxizentrale, berichtet gegenüber taxi heute, dass schon heute in Sichtweite eines jeden Taxi-Halteplatzes mindestens ein bis zwei Smarts parken. Sogar am Ulmer Münster stehen die kleinen Cityflitzer bereit. Als wir dort vor einigen Jahren einen Taxistand beantragt haben, hieß es noch, dass Fahrzeuge auf diesem Platz die Ästethik stören würden“, berichtet Herr Senel.

Die betroffenen Unternehmer wollen nun mit den Mercedes-Verantwortlichen in Kontakt treten. Sowohl Taxichef Robert Wilhelm in Berlin als auch die Mercedes-Niederlassung Ulm werden per Brief über die Konkurrenz aus dem eigenen Haus informiert. Sollte man daraufhin keine Unterstützung bekommen, „wäre ein Großteil der Ulmer Taxiunternehmen bereit, auf andere Modelle umzusteigen“, fasst Ergün Senel das Ergebnis einer Aufsichtsratsitzung zusammen. Wenn das Projekt in Ulm funktioniert, wird es bald auch in anderen Städten starten. „Dann kämpfen auch die Kollegen in München, Stuttgart, Berlin und anderswo gegen einen neuen Wettbewerber“.

Was Herr Senel aus Sicht des Taxigewerbes befürchtet, hoffen die Projekt-Verantwortlichen. Daimler-Manager Robert Henrich, der den Pilotversuch vorstellte, will erkannt haben, dass das eigene Auto für viele Städter bereits zur Last geworden ist und als Statussysmbol vor allem bei jüngeren Menschen relativ wenig Bedeutung genießt. Deshalb setzt man mit Car2Go auf ein Konzept der einfachen Fahrzeugmiete. Ohne Grundgebühr, ohne Mitgliedschaft. Flächendeckend sollen die Fahrzeuge zur Verfügung stehen und sofort startbereit sein.
Doch wird auch der Kunde aufgeschlossen und willens sein, dieses Konzept anzunehmen? Immerhin muss er erstmal zum Abstellplatz des Smart kommen, eventuell vorher über eine Hotline den nächstgelegen Standort abfragen. Dann muss er sich, sofern er nicht schon öfter Smart gefahren ist, mit einem fremden Fahrzeug vertraut machen. Mehr als eine Person kann in dem Zweisitzer darüber hinaus nicht mitgenommen werden und der Hartschalenkoffer findet im Kofferraum auch keinen Platz.

Der Taxifahrer dagegen leistet einen Tür-zu-Tür-Service, bietet genügend Raum für bis zu sieben Fahrgäste und deren Gepäck und, was nicht zu unterschätzen ist, verfügt über die nötige Ortskenntnis. Diese Vorteile gegenüber der neu gewachsenen Konkurrenz müssen die Ulmer Kollegen betonen. Dann könnte sich der Verlust in Grenzen halten.

Eventuell gelingt es sogar, neue Kundengruppen zu gewinnen. Nämlich die Personen, die bisher noch mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs waren und sich nun auf das Car2Go-Konzept einlassen. Diese entscheiden sich dadurch für einen gesunden Mix: Heute Fahrrad, morgen Smart. Wenn sich das Taxigewerbe positiv platziert, fährt genau dieser Kunde übermorgen auch mal Taxi. Es liegt am Auftreten unserer Branche, ob ein neues Konzept auf diese Weise nicht auch den Taxlern zugute kommt.

(jh)