Continental: Staubsauger misst Reifenabrieb im Fahrbetrieb

Der Reifenhersteller misst Reifenabrieb mit Staubsauger und Sensoren direkt im Fahrbetrieb. Daten aus dem Projekt OLRAP sollen Reifendesigns und Gummimischungen weiter verbessern.

Speziell ausgerüstetes Testfahrzeug von Continental: Ein Saugmodul hinter dem Rad sammelt Reifenabrieb direkt bei der Entstehung. | Foto: Continental
Speziell ausgerüstetes Testfahrzeug von Continental: Ein Saugmodul hinter dem Rad sammelt Reifenabrieb direkt bei der Entstehung. | Foto: Continental
(erschienen bei VISION mobility von Gregor Soller)

Reifenabrieb rückt für Fuhrparkverantwortliche zunehmend in den Blick, weil er Umweltbilanzen und künftige Regulierungen beeinflusst. Continental meldet aus Hannover, dass das Unternehmen die Emission von Partikeln aus Reifen mit neuen Technologien, laufender Forschung und Engagement in Industrieprojekten weiter reduzieren will. Laut Angaben des Herstellers belegen Daten des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs: In einer Auswertung von 160 getesteten Reifen emittieren Produkte von Continental im Durchschnitt elf Prozent weniger Abrieb als Reifen der Wettbewerber. Für Betreiber größerer Fahrzeugflotten ist damit zunächst vor allem eines klar: Das Thema Reifenabrieb verlässt die Fußnote der Nachhaltigkeitsberichte und wird zu einer Kennzahl, die sich künftig messen und vergleichen lässt – nicht nur auf dem Papier, sondern auch auf der Straße.

Staubsauger als Messinstrument am Testfahrzeug

Um Reifenabrieb besser zu verstehen, setzt der Anbieter ein Messverfahren ein, das an ein Haushaltsgerät erinnert. Gemeinsam mit der Technischen Universität Braunschweig hat das Unternehmen eine Methode entwickelt, bei der ein speziell adaptierter Staubsauger hinter einem angetriebenen Rad Partikel direkt bei ihrer Entstehung einsammelt. In Kombination mit speziellen Partikelsensoren werden nach Unternehmensangaben selbst feinste luftgetragene Abriebpartikel hinter den Rädern und an weiteren Positionen des Fahrzeugs erfasst.

Die Vorgehensweise gehört zum Forschungsprojekt OLRAP, das für „Online-Analyse von luftgetragenen Reifenabriebpartikeln bei der Entstehung und Abgrenzung zu Partikeln anderer Herkunft“ steht. Dieses Projekt wurde vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördert. Zum Einsatz kam ein von Continental ausgerüstetes Messfahrzeug, das für Fahrten unter realen Bedingungen konzipiert wurde. Dieses Fahrzeug war mit dem erwähnten Staubsauger hinter einem angetriebenen Rad und mit Partikelmessgeräten der Technischen Universität Braunschweig an verschiedenen Positionen bestückt.

Die Messgeräte lieferten zeitgenaue Daten zur Partikelkonzentration, die laut Angaben des Unternehmens mit Fahrdynamik, Straßenoberfläche und Wetterbedingungen verknüpft wurden. Ein im Projekt entwickeltes Multisampler-Gerät erlaubte es, Proben bestimmten Fahrsituationen wie Kurven oder Geradeausfahrt zuzuordnen. So konnten Partikel aus unterschiedlichen Fahrszenarien im Labor gezielt verglichen werden.

Datenbasis für künftige Reifengenerationen

Die Ergebnisse der Messungen fließen nach Angaben des Herstellers direkt in die Reifenentwicklung ein.

Die Daten zu Menge, Größe und Struktur der Partikel ermöglichen eine noch gezieltere Optimierung von Reifendesigns und Gummimischungen – ohne Kompromisse bei Sicherheit und Leistung“, sagt Dr. Matthias Haufe, Leiter Materialentwicklung und Industrialisierung des Reifenbereichs von Continental. „Damit schaffen wir nicht nur technologische Fortschritte, sondern bereiten unsere Produkte auch auf spezifische Regulierungen wie die Euro-7-Norm vor, die ab 2028 erstmals Grenzwerte für Reifenabrieb in der EU festlegt.“

Der Anbieter verbindet diese Forschungsarbeit ausdrücklich mit kommenden gesetzlichen Vorgaben. Haufe erklärt, man bereite die Produkte auf spezifische Regulierungen wie die Euro-7-Norm vor, die ab dem Jahr 2028 erstmals Grenzwerte für Reifenabrieb in der Europäischen Union festlegen soll. Damit wird Reifenabrieb zu einer Größe, die sich nicht nur technisch, sondern auch regulatorisch planen lässt.

„Die hochkomplexe Versuchsanordnung mit zeitgleichen Messungen an verschiedenen Punkten unseres Testfahrzeugs lieferte enorme Datenmengen. Diese helfen uns, das Thema Reifenabrieb immer besser zu verstehen“, sagt Dr. Benjamin Oelze, Leiter der Entwicklung von Prüfverfahren für Reifenabrieb bei Continental. „Wir konnten zum Beispiel auch klare Zusammenhänge zwischen Partikelkonzentration und Geschwindigkeitsprofil erkennen – und in welchem Maße hohe Längs- und Querbeschleunigungen den Reifenabrieb beeinflussen.“ 

Nach Angaben des Unternehmens können diese Erkenntnisse dazu dienen, Verkehrsflüsse umweltgerechter zu steuern oder voreingestellte Fahrprofile von Fahrzeugmodellen zu optimieren, um Emissionen zu minimieren.

Branchenprojekte und Filterlösungen für Straßenabwässer

Parallel zu eigenen Versuchen engagiert sich der Hersteller in mehreren Initiativen. Nach Unternehmensangaben führt Continental den Co-Vorsitz des „Tire Industry Project“. Diese Initiative untersucht unter anderem die Auswirkungen von Reifen auf die Umwelt über ihren gesamten Lebenszyklus.

Zudem war der Anbieter als einziger Reifenhersteller am RAU-Projekt beteiligt, das unter der Bezeichnung „Reifenabrieb in der Umwelt“ firmiert und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung initiiert wurde. In diesem Projekt entstand ein Filtersystem, das laut Unternehmensangaben bis zu 97 Prozent der Feststoffe aus dem Regenwasser-Straßenablauf herausfiltern kann. Damit rückt nicht nur die Entstehung, sondern auch der Weg der Partikel in die Umwelt in den Fokus.

Reifenabrieb bleibt technisch unvermeidbar

Trotz aller Forschungsarbeit bleibt eine physikalische Grundlage bestehen. Der Reifen hat die Aufgabe, die Kräfte des Fahrzeugs auf die Straße zu übertragen und für ausreichend Haftung zu sorgen. Dieser Grip entsteht durch Reibung, und die Reibung führt zwangsläufig zu Abrieb von Reifen und Fahrbahn. Nach Angaben des Herstellers ist ein gewisses Maß an Abrieb daher nicht zu vermeiden, wenn sicherheitsrelevante Eigenschaften wie die Bremsleistung auf nasser Fahrbahn erhalten bleiben sollen.

Das Unternehmen verweist auf Studien, nach denen individuelles Fahrverhalten und Straßenbeschaffenheit den Reifenabrieb bis zu dreimal stärker beeinflussen als das Reifendesign. Diese Faktoren liegen weitgehend außerhalb des Einflussbereichs eines Herstellers. Das Design der Reifen lässt sich dagegen aktiv gestalten. Als Beispiel nennt Continental die Reifenlinie EcoContact 6, die laut Unternehmensangaben 30 Prozent weniger Abrieb pro Kilometer erzeugt und gleichzeitig 20 Prozent mehr Laufleistung im Vergleich zum Vorgängermodell bietet.

Die Frage stellt sich , wie sich die Erkenntnisse im Alltag auswirken. Die Daten des Allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs zeigen messbare Unterschiede im Abrieb zwischen Herstellern. Gleichzeitig verdeutlichen die Versuchsreihen des Projekts OLRAP, wie stark Fahrweise, Straßenbelag und Umgebungsbedingungen den Partikelausstoß bestimmen.

Für die Praxis heißt das: Reifenwahl, Fahrprofile und Routenplanung greifen gemeinsam in die Emission von Abriebpartikeln ein. Die geplante Euro-7-Regulierung mit Grenzwerten für Reifenabrieb macht daraus ein verbindliches Kriterium und erhöht den Bedarf an belastbaren Kennzahlen. Noch fehlt jedoch eine standardisierte Größe, die sich einfach in Ausschreibungen oder Nachhaltigkeitsberichte übernehmen lässt. Reifenabrieb wird sich nicht vollständig vermeiden lassen, aber er lässt sich besser verstehen, gezielter beeinflussen und künftig genauer nachweisen. (av, Quelle: Continental )

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