Car Design Event: Hyundai zeigt die Studien Venus und Earth

Die Loh Collection bot einmal mehr die ganz große Bühne für das kleine, aber ganz feine Car Design Event, dessen erster Teil in der Münchner Motorworld stattfand. Für Teil 2 ließ der Hyundai-Konzern seine „Raumschiffe“ einfliegen, die zuerst in China präsentiert wurden.

Wow! Ioniq Venus (re.) und Earth fallen auf den ersten Blick auf. | Foto: G. Soller
Wow! Ioniq Venus (re.) und Earth fallen auf den ersten Blick auf. | Foto: G. Soller
(erschienen bei VISION mobility von Gregor Soller)

China ist mittlerweile der Ort, an dem die automobile Zukunft im Zeitraffer entwickelt wird. Wer mithalten will, muss schneller, mutiger und gelegentlich auch ein bisschen verrückter sein als der Rest. Hyundai hat die Botschaft offenbar verstanden und im April 2026 in Peking gleich zwei ziemlich spektakuläre Antworten präsentiert: den Ioniq Venus und den Ioniq Earth.

Zwei elektrische Konzeptfahrzeuge, die aussehen, als hätte jemand die Designer für ein Wochenende in ein Science-Fiction-Studio gesperrt und ihnen anschließend sämtliche Budgetgrenzen gestrichen. Der eine ist eine goldene, flache Limousine mit der Silhouette eines futuristischen Kampfjets. Der andere ein kantiger Familien-SUV, der wirkt, als könne er seine Passagiere notfalls auch durch eine außerirdische Geröllwüste transportieren. Willkommen in Hyundais neuem Universum. Das sich auch in Mittelhessen manifestieren kann.

Aus Peking nach Dietzhölztal-Ewersbach

Vorgestellt wurden beide Studien beim Ioniq-Markenstart im Hyundai Motorstudio Beijing vom 7. bis 10. April, kurz vor der Auto China am 24. April 2026. Rund 400 chinesische Medienvertreter und Influencer bekamen dort einen ersten Blick auf das, was Hyundai intern unter der Designphilosophie „The Origin“ zusammenfasst. Dahinter steckt die Idee, Autos zu gestalten, die man schon aus großer Entfernung erkennt. Das klingt selbstverständlich, ist aber in einer Welt zunehmend austauschbarer Elektro-SUVs ungefähr so ambitioniert wie die Entwicklung eines neuen Planeten.

Aber wir können sagen: Well done, Hyundai! Denn schon unter den schwarzen Hüllen stachen die kantigen Ausstellungsstücke in der Loh Collection heraus, und als die Hüllen dann gefallen waren, wurde schnell klar, dass die Devise von Designchef Simon Loasby aufgehen könnte:

„Lead, don't follow.“ Und weil Hyundai sein neues chinesisches Ioniq-Universum konsequent um den Kunden kreisen lassen will, tragen künftige Modelle Planetennamen statt der international üblichen Nummern.

Venus: Ein Keil wird kommen

Probesitzen durften wir leider nicht, aber wir hatten genug Zeit, uns ausführlich mit den Modellen zu beschäftigen. Beginnen wir beim Venus in „Radiant Gold“: Die extrem keilförmige Karosserie hat ihren höchsten Punkt ungewöhnlich weit hinten, was für ganz neue Proportionen sorgt. Hyundai nennt sie One-Curve-Silhouette: Statt mit zahllosen Sicken und künstlich aufgeblasenen Muskeln Aufmerksamkeit zu erzeugen, setzt Hyundai auf einen einzigen dominierenden Linienverlauf. Das Ergebnis ist eine Limousine, die gleichzeitig minimalistisch aussieht und glasklare Kante zeigt.

Im Innenraum wird es kaum konventioneller. Ein breites digitales Display dominiert das fahrerorientierte Cockpit, während geschichtete Ambientebeleuchtung, weiches Wildleder und chromgoldene Sitzrückseiten für futuristischen Luxus sorgen. Sogar ein kleiner digitaler Charakter namens „Lumi“ gehört zum Konzept. Offenbar braucht das Auto der Zukunft nicht nur Software, sondern auch ein Maskottchen.

Auf die dezente Nachfrage, wie seriennah die Studie denn nun sei und ob sie eines Tages den Ioniq 5 beerben könnte, erhielten wir zwei spannende Antworten: Für China sei sie sehr seriennah, und nun ja, der Ioniq 5 bräuchte natürlich irgendwann einen Nachfolger …

Auch der Earth könnte durchaus als Serienmodell auf der Erde landen

Und da wir einen Ioniq 7 oder 8 ja noch schmerzlich vermissen, hätte der Earth hier Potenzial: Wo der Venus die Luft schneiden möchte, scheint der Earth sie lieber mit seinen kantigen Schultern zur Seite zu schieben. Seine Lackierung trägt den Namen „Aurora Shield“, die Karosserie kombiniert scharfe Kanten mit massiven Flächen, sichtbaren Schraubverbindungen und robusten Unterfahrschutzelementen. Große Glasflächen bringen Licht ins Innere.

Das ist kein weichgespülter Crossover, sondern ein elektrischer Abenteuer-SUV mit der optischen Entschlossenheit eines Mondrovers. Innen präsentiert sich allerdings kein Hardcore-Einsatzfahrzeug, sondern eine rollende Wellness-Lounge. Sehr auffällig sind die „Air-Hug“-Polster aus weichen Luftmodulen, die so eher nicht kommen werden und teils an die psychedelischen Ideen der späten 1960er-Jahre erinnern.

Dazu gibt es eine Beleuchtung, die wandernde Baumschatten simuliert – all das soll eine entspannte Atmosphäre schaffen. Hinzu kommen versteckte Bedienelemente nach dem „Shy-Tech“-Prinzip, subtile Kartenmotive von Peking und der digitale Begleiter „Aero“.

Die Idee ist, auch einen wetterseitigen Weltuntergang innen so angenehm wie möglich zu machen. Clustert man das Ganze jetzt aber etwas runter, findet man durchaus Ansätze für einen künftigen elektrischen Ioniq-Offroader. Und auch hier antwortet man auf unsere Nachfrage dezent augenzwinkernd.

Technische Daten? Noch keine….Perspektiven auf eine Serienfertigung? Durchaus!

So spektakulär die beiden Studien auch sind, bei den technischen Daten hält sich Hyundai bemerkenswert bedeckt. Weder Batteriekapazitäten noch Motorleistungen, Beschleunigungswerte, Abmessungen oder konkrete Reichweiten wurden für Venus und Earth veröffentlicht. Auch die Plattformarchitektur blieb zunächst offen.

Dafür ist die technische Marschrichtung klar: Hyundai arbeitet mit chinesischen Partnern an automatisierten Fahrsystemen, intelligenten Cockpits und Elektrofahrzeugen mit Range Extender. Letztere besitzen einen zusätzlichen Verbrennungsmotor zur Stromerzeugung, um die Reichweite zu verlängern. In einem Markt, in dem digitale Funktionen beinahe so wichtig geworden sind wie Fahrleistungen, ist das keine Spielerei, sondern Überlebensstrategie.

Dass hinter der ganzen Show mehr steckt als ein paar hübsche Messemodelle, zeigte Hyundai bereits am 24. April mit dem Ioniq V. Die vom Venus abgeleitete Serienlimousine misst rund 4,90 Meter, besitzt 2,90 Meter Radstand, eine 800-Volt-Architektur und soll in der Langstreckenversion mehr als 600 Kilometer nach chinesischem CLTC-Zyklus schaffen. Dazu kommt eine gewaltige Produktoffensive: Gemeinsam mit dem Partner BAIC investiert Hyundai acht Milliarden Yuan in das Gemeinschaftsunternehmen Beijing Hyundai. Innerhalb von fünf Jahren sollen 20 neue Modelle folgen, darunter ein weiteres SUV im ersten Halbjahr 2027. Das langfristige Verkaufsziel liegt bei 500.000 Fahrzeugen jährlich.

Venus und Earth sind sehr viel mehr als bloße Designexperimente, denn sie sind die rollenden Ausrufezeichen einer neuen China-Strategie. Hyundai will nicht länger nur mitspielen, sondern wieder die Regeln mitbestimmen. Ob der extravagante Venus und der martialische Earth in ihrer heutigen Form jemals auf öffentlichen Straßen landen, ist offen. Aber eines haben diese beiden Zukunftsvisionen bereits geschafft: Sie lassen die meisten gewöhnlichen Elektroautos aussehen wie Haushaltsgeräte mit Nummernschild. Und: Hyundai zeigt, dass man auch für die Zeit nach Ioniq 5 und Co. schon eine sehr klare futuristische Perspektive hat!

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