Thema des Monats

Mit der linken Hand in ein neues Leben

Thema des Monats Februar

Im Juni 2010 ermordete Andrej W. eine Taxifahrerin und verletzte eine weitere schwer. 20 Monate nach der Tat berichtet der Konstanzer Südkurier über das Leben des Opfers, beschreibt ihren Kampf mit den Folgen und die Ängste, als Andrej W. zwischenzeitlich aus der Haft entfliehen konnte.

Jörg Braun ist stellvertretender Chefredakteur des Südkurier. Die Tageszeitung erscheint in den Gemeinden rund um den Bodensee, auch in Hagnau und Singen, den Orten, in denen damals der Taximörder zu den beiden Damen ins Taxi gestiegen ist. Mit der Absicht, sie zu töten und zu vergewaltigen.

Eines der Opfer, Heidi F., überlebte und Jörg Braun hat die 45-Jährige zwanzig Monate nach der Tat besucht. Sein Bericht geht unter die Haut und mit freundlicher Genehmigung des Südkurier-Verlags fassen wir nachfolgend die ergreifendsten Passagen zusammen.

Braun schildert, wie fassungslos Heidi F darüber ist, dass der Täter wenige Monate nach seiner Verurteilung zu lebenslanger Haftstrafe aus einer Psychiatrie in Wiesloch fliehen konnte. Das war im Mai letzten Jahres, Andrej W. konnte erst nach langen 36 Stunden wieder gefasst werden. Heidi F. kann nicht begreifen, dass es den Behörden nicht gelingt, brutalste Verbrecher so sicher einzusperren, dass sie nicht mehr zur Gefahr für die Bevölkerung werden.

„Wenn ich höre, dass jemand aus Wieslochs Psychiatrie geflohen ist, kommt alles in mir wieder hoch, die ganzen Schmerzen, die ganze schlimme Zeit, das ganze grauenvolle Durchleben dieses Überfalls“, wird die damalige Taxifahrerin im Südkurier zitiert.

Sie schildert die bösen Bilder des Sommers 2010, als Andrej W. am Singener Bahnhof in ihr Taxi stieg und sich Richtung Hohentwiel chauffieren ließ. „Eine Fahrt wie viele. Ich hatte bei ihm kein ungutes Gefühl. Ich kannte ihn nicht und hatte ihn zuvor noch nie gesehen.“

Offenbar waren es die rückenlangen lockigen Haare, die den Täter angezogen hatten, weil sie ihn wohl an seine eigenen Mutter erinnerten, wie Heidi F. später herausfand.

Braun beschreibt, wie er die schrecklichen Stunden erzählt bekommen hat. Der Fahrgast sei zunächst freundlich gewesen, dann habe er unvermittelt ein scharfes Messer gezückt. Er schlitzt Heidi F. am Hals auf und zwingt die Fahrerin auf einen abgeschiedenen Feldweg nahe Singen. Dort beginnt das stundenlange Martyrium der Frau. Andrej W. fällt über sie her, sticht ihr mit unbeschreiblicher Gewalt das Messer in den Hals und durchtrennt dabei wichtige Nervenstränge.

„ Ich sah in seine eiskalten Augen und wusste, dass er mich töten wollte“, beschreibt Heidi F. ihre schlimmsten Augenblicke. „Ich habe mich tot gestellt – und meine Sonnenbrille rettete mir das Leben.“ Andrej W. wird wenige Tage nach der Tat gefasst. Er gilt als psychisch krank. Es erregt ihn, sich an Leichen sexuell zu vergehen.

Heidi F. ist eine erstaunlich gefasste Frau. Sie spricht mit voller, klarer Stimme, was ein Glück ist. Hätte der Täter nur einen einzigen Millimeter versetzt in ihren Hals gestochen, wäre sie nach Meinung der Ärzte heute stumm.

Seit der Tat meistert sie einen langen, schweren Weg zurück ins Leben. „Anfangs konnte ich nur liegen, mich überhaupt nicht bewegen. Nichts. Null.“ Dann setzte sie sich ein klares Ziel: „Ich wollte wieder selbst eine Gabel halten, selbst essen. Mich füttern zu lassen, das war ein richtig schreckliches Gefühl.“

Sie habe Monate dafür gebraucht, beschreibt der Redakteur des Südkurier, und endlose Stunden bis zur Erschöpfung trainiert. Heute könne sie ihre linke Hand bewegen und steuere mit ihr ihr ganzes Leben - vor allem ihren Elektro-Rollstuhl.

„Das läuft alles aber nur mechanisch. Ich habe in der Hand keinerlei Gefühl und spüre weder Druck noch Kälte oder Wärme“, schildert sie dem Besucher ihre Situation.

Braun platziert zu seinem Zeitungsbericht ein Foto, auf dem man nur einen linken Arm auf einer Rollstuhllehne sieht und die Hand, die einen Joystick bedient. „Diese Hand lenkte einst ein Taxi in Singen“, lautet die Bildunterschrift. „Heute steuert diese Hand einen Rollstuhl, die Fahrerin ist halbseitig gelähmt.“

Der Artikel erschien am Samstag, 14. Januar im Konstanzer Südkurier.

(jh)