Thema des Monats

Mercedes-Projekt „moovel“ erhitzt die Gemüter

Thema des Monats Juli/August 2012

Mercedes hat eine Mobilitätsplattform namens "moovel" geschaffen. Sie bündelt das Leistungsspektrum unterschiedlichster Mobilitätsanbieter - darunter auch das Taxi. Doch im Gewerbe wird diese Einbindung nicht von allen Seiten gewollt.

Wie der Daimler-Konzern in einer Pressemeldung am 11. Juli bekanntgab, wolle man mit diesem Service neue Wege gehen. „Die Mobilitätsplattform „moovel“ zeigt ihren Nutzern, wie sie optimal von A nach B kommen“, heißt es aus Stuttgart. Die dazu nötige Anwendung stehe ab sofort im App-Store kostenlos zur Verfügung.

moovel startet zunächst als Pilotversuch in Stuttgart. In der Startversion sind Angebote von „mitfahrgelegenheit.de“ sowie der Stuttgarter Verkehrsverbünde SSB und VVS integriert. Eine Taxiruf-Funktion, mit deren Hilfe der Nutzer aus der App telefonisch ein Taxi bestellen kann, komplettiere die erste Version von moovel. Ein weiterer Pilotversuch ist für die zweite Jahreshälfte in Berlin geplant.

Ziel des Mobilitätsportals ist es, unterschiedliche Fortbewegungsmöglichkeiten zusammenzuführen. Die Optionen sollen auf einen Blick transparent, nutzerfreundlich und gleichwertig angeboten werden. Grundlage der Empfehlungen seien die Angebote der Mobilitätsanbieter.

Innerhalb des BZP war man als potenzieller Partner schon längere Zeit mit den Daimler-Verantwortlichen im Gespräch. Schließlich ging es darum, die technischen Voraussetzungen zu schaffen, um die in der Pressemitteilung versprochene Taxi-Bestellmöglichkeit auch umsetzen zu können.

Es ging aber auch darum, sich von Anfang an in solche Mobilitätsportale einzubinden. Andernfalls würde man riskieren, Teile des Geschäfts an andere Mobilitätsanbieter zu verlieren, heißt es in einem Schreiben des BZP-Präsidiums an die Mitglieder.

„In Verfolgung dieses Zwecks“ habe das BZP-Präsidium Gespräche mit Verantwortlichen der Daimler AG geführt. Gegenüber den Kollegen der Stuttgarter Taxizentrale habe man sich darüber hinaus dafür ausgesprochen, dass diese „im Interesse des gesamten Gewerbes“ an dem Pilotversuch teilnehmen sollten.

Für Georgios Natsiopoulos, Vorstand der Stuttgarter Zentrale „TAZ“, wäre diese Empfehlung gar nicht nötig gewesen, denn in eigenen Gesprächen hatte er gegenüber Andreas Mink, Projektleiter von moovel, bereits Interesse bekundet.

Trotzdem gibt es nun Streit um die Teilnahme an diesem Pilotversuch. Daimler möchte sich seinen Dienst nämlich bezahlen lassen – als Art Vermittlungsprovision für die Aufträge, die man auf diese Weise an die beteiligten Taxizentralen weiterleitet. Im Gespräch sind rund 40 Cent – die Hälfte dessen, was Taxiunternehmer und Fahrer derzeit für vermittelte Aufträge an myTaxi bezahlen. Dort wiederum hat Daimler im Januar eine Minderheitenbeteiligung erworben. Trotz der damals heftigen Proteste aus dem Gewerbe heraus teilte die Daimler AG in mehreren Gesprächen mit, dass man weiterhin am Engagement mit myTaxi festhalte. Allerdings stellte man schon damals in Aussicht, dass man in dem nun entwickelten Mobilitätsportal „moovel“ auch die Taxizentralen gleichberechtigt aufnehmen wolle.

Was also ganz im Sinne der BZP-Vorstands ist, stößt bei einigen Taxizentralen auf strikte Ablehnung. Vor allen der Landesverband Bayern mit seinen beiden großen Zentralen München und Nürnberg positioniert sich eindeutig gegen eine Teilnahme. „Nach unserer Auffassung müssen und sollen wir uns an einem Portal, das bestrebt ist, den Zentralen mehr und mehr Aufträge abzunehmen und sich dafür auch noch an ihnen zu bereichern, nicht beteiligen“ heißt es in einem offenen Brief, den der Landesverband Bayern an das BZP-Präsidium Mitte Juni verfasst hat.

Die bayerischen Verbandsvorsitzenden Frank Kuhle und Wolfgang Ziegler fordern vom BZP, zu diesem Thema eine Willensbildung der Mitglieder herbeizuführen. Solange dies nicht geschehen ist, solle man die Einbindung der Taxizentralen in das Mobilitätsportal der Daimler AG nicht weiter fördern. „Wenn das Mobilitätsportal der Daimler AG erst einmal eine flächendeckende Taxiversorgung anbieten kann, dürfte es für Preis- und Vertragsverhandlungen zu spät sein“, bringen Kuhle und Ziegler ihre Bedenken auf den Punkt.

Eine solche Haltung bezeichnet Roland Böhm, Vorstandsmitglied im BZP und Chef der Taxizentrale Münster als „Closed shop-Denken“. Das Schreiben des LV Bayern zeige geradezu beispielhaft, wie unterschiedlich die Mitglieder des BZP auf die Herausforderungen der Generation „mobiles Internet“ reagieren würden, schreibt Böhm in einer Reaktion auf den offenen Brief aus Bayern. „Die Angebote, auch kommerzieller Art, die mit der rasanten Entwicklung des mobilen Internets in naher Zukunft in bis dahin geschützte Märkte eindringen, werden noch explosionsartig zunehmen. Und auch in dieser Entwicklung wird es Gewinner und Verlierer geben.“

Zum Mobilitätsportal der Daimler AG nimmt Böhm ebenfalls Stellung: „Auch so langjährig das Taxigewerbe begleitende Unternehmen werden sich aus ihrer ureigensten unternehmerischen Interessenlage diesen Entwicklungen des mobilen Internets niemals verschließen, sie wären sonst ebenfalls Verlierer. Das „Neue“ für uns BZP-Organisierte ist dabei, dass die ach so bekannten Begleiter des Gewerbes ihre unternehmerische Verantwortung unsentimental wahrnehmen.“ Gerade darin liege die unbequeme Wahrheit, sagt Böhm.

Anstatt sich also in die „Haltung des Beleidigtseins“ zurückzuziehen und damit auf dem „Abstellgleis der Taxigeschichte“ zu enden, gelte es vielmehr,  dabei zu sein und mitzugestalten. Auch wenn man sich dabei in Teilbereichen neu definieren müsse. „Die Zeit, in der Taxizentralen mehr oder weniger unbehelligt regional handeln konnten, ist vorbei“, schreibt Böhm und prophezeit den Zentralen eine heiße Zukunft: „Das uns so bekannte Geschäftsmodell „Taxizentrale“ findet sich schon sehr bald in einem Wettbewerb wieder, in dem ganz andere Herausforderungen warten."

Hinweis der taxi heute-Redaktion: In unserer aktuellen Frage des Monats Juli möchten wir Ihren Standpunkt zu diesem Thema wissen: Sollen Taxizentralen oder Unternehmer an Mobilitätsportale Gebühren bezahlen, wenn sie von dort Aufträge bekommen oder könnte es sogar genau andersherum funktionieren? Stimmen Sie hier ab. 

 

 

(jh)