Thema des Monats

4 Millionen Gewinn pro Stunde! Wem haben wir das zu vertanken?

Thema des Monats November 2005

Die hohen Spritpreise treiben vor allem den Taxiunternehmern den Schweiß auf die Stirn. Sah es in den vergangenen Wochen zeitweise nach einer Entspannung aus, so mussten wir am 1. November im bundesweiten Durchschnitt wieder 1,14 Euro für den Liter Diesel berappen. Derweil verzeichnen die Mineralölgesellschaften Gewinne in Milliardenhöhe. Wie setzt sich der Spritpreis zusammen und warum sind die Endpreise an den Tankstellen so großen Schwankungen unterworfen?
Der Staat tankt mit, verdient aber an den Preiserhöhungen nur minimal

Den mit Abstand größten Teil machen die staatlichen Abgaben aus. Über 70 Prozent entfallen auf Mineralöl- und die darin enthaltene Ökosteuer sowie auf die Mehrwertsteuer. Die Öko-Steuer hat seit ihrer Einführung 1999 das Benzin um gut 15 Cent je Liter verteuert. Für die Preissteigerungen der letzten Monate ist der Fiskus jedoch nicht verantwortlich. Denn die Mineralöl- und Ökosteuern werden in Cent je Liter berechnet und verändern sich nicht, wenn der Preis an der Tankstelle schwankt.
Der fixe Steuersatz für einen Liter Diesel liegt bei 50 Cent Mineralölsteuer und rund 15 Cent Ökosteuer. Der Staat partizipiert also lediglich durch die Mehrwertsteuer an den steigenden Spritpreisen.

Explodierender Rohölpreis und Rekordgewinne

Die Hauptursache für den Preisanstieg in der vergangenen Zeit liegt vielmehr im so genannten Wareneinstand begründet. Dem Preis also, der für das fertige Produkt Kraftstoff auf dem internationalen Beschaffungsmarkt (Europa: Rotterdam) gezahlt werden muss. Dieser Preis ist von Faktoren wie Rohölpreis, Dollarkurs und der Angebots- und Nachfragesituation auf dem Weltmarkt abhängig.
Der Anstieg des Rohölpreises ist bekanntlich exorbitant: Innerhalb von anderthalb Jahren hat er sich mehr als verdoppelt, von 30 Dollar Anfang 2004 auf den Spitzenwert von mehr als 70 Dollar pro Barell nach dem Hurrikan „Katrina“.
Profitiert haben davon hauptsächlich die Ölkonzerne. Sie verzeichnen trotz der Verwüstungen durch „Katrina“ und anderer Hurrikane am Golf von Mexiko Rekordgewinne. Zum einen ist ein Großteil der Hurrikan-Schäden durch Versicherungen abgedeckt, zum anderen sorgt der astronomisch hohe Rohölpreis für riesige Gewinnmargen. So hat der amerikanische Erdölkonzern ExxonMobil allein im dritten Quartal dieses Jahres einen Gewinn von 9,92 Milliarden US-Dollar eingefahren. Das sind 100 Millionen US-Dollar pro Tag oder rund 4 Millionen Dollar pro Stunde! Es ist der größte Profit in der amerikanischen Firmengeschichte. Der Gewinn des Unternehmens in den ersten neun Monaten stieg auf sagenhafte 25.420.000.000 Dollar. In Worten: 25 Milliarden Dollar! Auch andere Ölkonzerne haben keinen Grund zur Klage: Der Shell-Konzern meldete 9,03 Milliarden Dollar Gewinn, British Petroleum immerhin 4,41 Milliarden, die US-Firmen Chevron und Conoco-Philipps 3,6 bzw. 3,8 Milliarden Gewinn in 90 Tagen.

„Preiskrieg“ an den Tankstellen

Maßgeblich zu den großen Preisschwankungen der letzten Wochen aber hat der Preiskrieg zwischen Shell und Aral beigetragen. Senkt eine Tankstelle den Preis, zieht die andere sofort nach. Beide ringen um Marktanteile, was beispielsweise in München Ende Oktober den Dieselpreis auf zeitweise unter einen Euro fallen ließ. Doch die Freude der Autofahrer währte nur kurz: Schon tags darauf lag der Dieselpreis wieder bei über 1,10 Euro. Klingt nach einer Menge Willkür. Willkür, die einige Taxiunternehmer nicht länger bereit sind hinzunehmen und den Machenschaften der Mineralölgesellschaften zumindest insoweit entgegenwirken, dass sie zum Tanken nur noch „freie“ Tankstellen anfahren oder beim Bezahlen auf den obligatorischen Einkauf von Brotzeit oder Zigaretten im Tankstellenshop verzichten. Auch das Internet ist derzeit voll mit Boykottaufrufen.

Aber es ist wie so oft: Der Endverbraucher sitzt am kurzen Hebel. Er ist auf den Sprit angewiesen – zumindest sofern er sich nicht schon durch den Umstieg auf alternative Antriebstechnologien von der Preismaschinerie der Ölmultis unabhängig gemacht hat. Die Aussichten für alle anderen sind nicht sehr ermutigend: Langfristig ist nach der Meinung von Experten nicht mit einem Rückgang der Kraftstoffpreise zu rechnen. Zwar sank der Rohölpreis kürzlich wieder auf rund 60 Dollar pro Barell, doch schon der nächste Hurrikan könnte dies wieder zunichte machen. Auch von Seiten der Politik ist sicher keine Entlastung in Sicht. Von dem peinlichen Personalgeschacher und den Eitelkeiten bei der Regierungsbildung mal ganz zu schweigen, kann die zukünftige Regierungskoalition bei dem diagnostizierten Haushaltsloch sicherlich nicht auf die Einnahmen der von der CDU/CSU lange Zeit so vehement kritisierten Ökosteuer verzichten. Und die wohl unausweichliche Erhöhung der Mehrwertsteuer auf 18 (oder noch mehr) Prozent wird den Spritpreis noch mal um mindestens zwei Cent steigen lassen. Aber vielleicht lassen sich die Mineralölgesellschaften dafür einen neuen Marketing-Coup einfallen: Unbemerkt von weiteren Erhöhungen bekommt jeder, der mindestens 18 Liter tankt, die Mehrwertssteuer erstattet – als Danke-Schön-Prämie, dass man sich als Kunde weiterhin für dumm verkaufen lässt.

(jh)